Aufstellung zu den Weltreligionen

Seitdem ich die Aufstellungsarbeit für die persönliche und berufliche Weiterentwicklung für mich im Jahr 2005 entdeckte, hat sie mich als Methode nicht mehr losgelassen und bewog mich dazu, tiefer in die systemische Arbeit einzutauchen und mich zur pädagogisch-systemischen Beraterin weiterzubilden. Im Rahmen meiner 5-jährigen Fortbildung konnte ich die Aufstellungsarbeit dank unserer versierten Seminarleiter/innen in ihrer Vielfältigkeit erleben und noch mehr wertschätzen. Eine der beeindruckendsten Erlebnisse in dieser Hinsicht war eine Bibelaufstellung zu Jakob und Esau. Obwohl oder gerade, weil hier keine der Teilnehmerinnen persönlich betroffen war, war die Wirkung dieser archaischen Geschichte über Lüge, Verrat und Versöhnung für uns alle umso tiefgreifender. Jede fühlte sich durch die Geschichte persönlich angesprochen und der Prozess der Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Protagonisten wurde als sehr intensiv und gleichzeitig weit über die ursprüngliche Geschichte hinaus als friedensstiftend erlebt. Hier kam mir zum ersten Mal der Gedanke, Aufstellungen als Mittel für fundamentale Friedenarbeit zu nutzen und ließ mich nicht mehr los.

Friedensarbeit tut not. Vor allem in einer Welt, in der die Institutionen und Bewegungen, die ursprünglich dem Frieden unter den Menschen dienen sollten, immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen und dies seit ihrem Bestehen. Ich spreche hier von den Religionen:
Angefangen von der Eroberung des gelobten Landes durch die Juden im Alten Testament, der Verfolgung der frühen Christen, der kriegerischen Expansion des Islam, den Kreuzzügen, dem 30jährigen Krieg, die Jahrhunderte währende Judenverfolgung und -vernichtung bis hin zu neuzeitlichen Auseinandersetzungen wie dem Nordirland-Konflikt, den anhaltenden Machtkämpfen zwischen Schiiten und Sunniten und die viele in Angst und Schrecken versetzenden Anschläge islamischer Terrorgruppen. In Indien bedroht und bekämpft die hinduistische Regierung religiöse Minderheiten und selbst die als friedlich geltenden Buddhisten diskriminieren und verfolgen ihre muslimischen Mitbürger in Myanmar.

Auch wenn die wahren Gründe für kriegerische Auseinandersetzungen vor allem Macht, Reichtum und Einfluss sein mögen, dienen und dienten doch die meisten Religionen immer wieder dazu, vor allem die Unterschiede zwischen den Völkern hervorzuheben, Menschen ideologisch zu beeinflussen und mit Heilsversprechungen (Ablass, Paradies…) zu gewaltvollen Taten und Eroberungen zu verlocken.
Wie wahr und heilsam klingen da diese Worte:

„Ihr kämpft denselben Kampf, ihr verteidigt dieselbe Sache. Ihr seid alle auf derselben Seite. Das ist die Wahrheit.“

Michael Kagans 1

Michael Kagan, Jude und Sufi aus Jerusalem, ist um den intensiven Austausch mit Christen, Muslimen, Buddhisten und Hindus bemüht. Erst nach diesem Aufstellungsexperiment fiel mir sein Buch, in dem er explizit die abrahamitischen Religionen anspricht, in die Hände. Es beinhaltet für mich so viele der in der Aufstellung gezeigten Phänomene, dass ich seine Worte noch an anderen Stellen zitieren werde.

Seitdem ich 2001 meinen heutigen Ehemann, senegalesischer Herkunft und muslimischen Glaubens, kennenlernte, ist es mir ein persönliches Anliegen, die gemeinsamen und verbindenden Merkmale der Religionen zu ergründen. Ich selbst bin in einer katholischen Familie aufgewachsen und habe in meiner Jugend sehr positive Erfahrungen mit der kirchlichen Jugendarbeit gemacht, weshalb ich lange zögerte, aus der Kirche auszutreten. Und zwar nicht, weil ich mich vom Glauben entfernt hatte, sondern vielmehr, weil ich mich in meiner eigenen spirituellen Entwicklung immer mehr von anderen Religionen und Glaubensrichtungen inspiriert fühlte. Ich entdeckte mehr und mehr Gemeinsamkeiten, die mich in der Überzeugung bestärkten, dass die Religionen im Kern wirklich für die Menschen gedacht sind und vielfältige Wege zur individuellen, spirituellen Weiterentwicklung anbieten.

Die Dogmen, Überzeugungen, Verbote und Vorschriften der religiösen Institutionen kamen mir immer künstlicher und menschengemachter vor, nur zum Zweck des Selbsterhalts und ihrer überholten Strukturen. Hierfür fand ich auch überzeugende Argumente von namhaften Schriftstellern wie:

„Die Macht der Gewohnheit ist der größte Feind der Wahrheit – vor allem auf dem Gebiet der Religion. Die Wahrheit aber kann man nicht haben, man kann sie nur suchen und leben. Das Selbst-Erleben der Wahrheit ist wahrscheinlich der Sinn unseres Hierseins.
Auch Gott können wir nicht studieren, sondern nur erleben“

Franz Alt 2

Daher kam mein Impuls für das Aufstellungsexperiment, welches ich in meiner Abschlusspräsentation der Fortbildung zur systemischen Beraterin durchführte und im Folgenden vorstellen werde.

Ziel meiner Arbeit war es, die Gemeinsamkeiten und das Verbindende zwischen den Religionen herauszuarbeiten. Da ich nicht wusste, wie die Stellvertreter der Religionen untereinander agieren würden, war es mir auch wichtig, Aspekte wie das Verbindende, die Menschheit und den Ursprung oder die Quelle selbst mit einzubeziehen.

Doch zunächst bezog ich die Wünsche der Teilnehmerinnen in die Auswahl der Bestandteile der Aufstellung mit ein. So entschied sich die Gruppe schließlich für folgende Aspekte:
Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus, Naturreligionen, Atheismus, Menschheit, Individuum, Zugehörigkeit, Ursprung, Verbindendes, Zugehörigkeit.

Zusammenfassung des Aufstellungsexperiments:
Die Religionen stehen als erstes auf, dürfen sich frei im Raum bewegen und zueinander positionieren:
Die Naturreligionen setzen sich in die Mitte des Raumes, der Hinduismus steht rechts hinter ihnen. Alle anderen Religionen, einschließlich Atheismus suchen sich im Außenkreis Positionen, an denen sie möglichst großen Abstand zueinander haben. Judentum und Islam stehen sich an den entgegengesetzten Enden des Raumes gegenüber. In der Reihenfolge ihres Entstehens frage ich die
Repräsentantinnen nach ihren Empfindungen:

Naturreligionen: Ich bin die Wurzel, der Anfang. Das ist dann alles weitergewachsen. Ich sitze hier und bin das Samenkorn. Ich war schon da, da waren die alle noch nicht.

Hinduismus: Ich kann das alles unterstreichen, ich habe das Gefühl ich habe mich aus ihr entwickelt. Gegenüber den anderen habe ich das Gefühl, ein Stückweit auch der Ursprung zu sein. Ich verstehe es nicht, dass die anderen Religionen mit ihren unterschiedlichen Gottheiten und Ansätzen ein Problem haben. Die können alle da sein, es kann alles integriert werden.

Buddhismus: Ich gehöre zum Ursprung (neben den hat er sich gestellt), fühle mich auch mit Naturreligionen und Hinduismus verbunden.

Judentum: Ich bin sehr stolz, ich bin auserwählt, ich bin unglaublich stark. Aber ich habe Gänsehaut. Ich steh hier gut, habe alles im Blick. Ich gehöre hier nirgendwo dazu, ich bin ja auserwählt.

Christentum: Ich habe zu keinem eine Beziehung. Mir ist kalt. Ich bin etwas Umfassendes, Größeres. Wenn der Raum größer wäre, würde ich noch mehr zurückgehen, damit ich mehr Raum um mich habe.

Islam: Mich friert´s von Anfang an. Mir war es wichtig, gegenüber vom Judentum zu sein und das Christentum im Blick zu haben. Ich könnte mich auch ausdehnen. Wenn ich das sage, kriege ich Gänsehaut.

Leitung gibt die Information, dass Judentum, Christentum und Islam einen Ursprung haben: Wie geht ihr mit dieser Information um, was macht das mit euch?

Islam: das erste, was mir einfällt ist Krieg.

Judentum: Als Christentum und Islam gesprochen haben, habe ich kalte Hände bekommen. Die beiden sind eine echte Konkurrenz, nix mit gleichem Ursprung.

Christentum: Ne, das ist es bei mir auch nicht. Ich habe mehr Bezug zum Judentum, zum Islam gar nicht. Gemeinsamer Ursprung ist für mich so fremd, ich existier für mich allein.

An dieser Stelle frage ich die drei monotheistischen Religionen nach einer Zahl.
Der Islam nennt sofort die Zahl 60, zu der ich später in der Sure 60 des Koran sehr wichtige Hinweise auf das friedliche Zusammenleben der Muslime mit Andersgläubigen finde.3

Das Christentum nennt die Zahl 7, die als biblische Zahl viele Bedeutungen hat. Das Judentum, hätte auch gerne die 7 genannt, ist neidisch und weicht jetzt auf die Zahl 3 aus, welche im Christentum eine wesentlich größere Bedeutung hat. Im Nachhinein äußert sich der Islam ungehalten über die Wahl von Christentum und Judentum, hätte selbst gerne 3 und 7 gesagt, fühlte sich aber innerlich genötigt 60 zu sagen. Die Rangelei um die Zahlen macht an dieser Stelle deutlich, dass die drei genannten Religionen, obwohl sie das vehement abstreiten, durchaus eine tiefe Verbindung zueinander haben und eifersüchtig und mit Konkurrenz auf den jeweils anderen schauen.

„Wie eifersüchtige Geschwister zankt ihr um meine Liebe. Wie engstirnige Tyrannen klammert ihr euch an eure Macht.“

Micheal Kagan4

Als nächstes äußert sich der Atheismus, der aus beobachtender Position spricht:

Als Atheismus war es mir ganz wichtig, alle im Blick zu haben. Zunächst habe ich eine gewisse innere Arroganz gespürt, ich bin etwas Besseres, muss mich nirgendwo zuordnen, habe die innere Weisheit. Als mir das bewusst geworden ist, hat sich das verändert. Es hat mich beeindruckt, dass das Judentum behauptet hat, es sei auserwählt. Was mich dann erschreckt hat, war der Krieg, den der Islam geäußert hat. Das macht mir Angst. Ich stehe dem Ursprung gegenüber und den Naturreligionen. Das ist das, was mich anspricht.

Der Ursprung sitzt zwischen Buddhismus und Hinduismus und wird gebeten, sich zu äußern:

Ursprung bleibt sitzen: Für mich ist das gut so wie es ist. Das mit dem auserwählt (Judentum) habe ich gemacht, um ein bisschen Unfrieden reinzubringen. Es wird Frieden geben und es wird Krieg geben. Das gehört alles zum Leben dazu. Es ist genau richtig, so wie es ist.

Christentum wendet sich daraufhin ab und schaut zum Fenster raus.

Christentum: Also ich habe den Ursprung mit Gott identifiziert. Und das ist ein Laschi, der steht schon gar nicht auf. Da find ich mich nicht wieder mit dem.

Die Menschheit geht in den Kreis, schreit laut und stampft mit den Füßen auf den Boden.

Menschheit: Ich schwanke zwischen traurig und unglaublich müde und schwer.

Atheismus: Das ist Krieg.

Menschheit: Verzweiflung. Ich bin mit mir beschäftigt.

Der Ursprung steht auf. Der Islam äußert an dieser Stellt, der Schrei habe ihm gutgetan, ihm Kraft gegeben. Fordert die Menschheit auf, noch ein paarmal zu schreien. Die Menschheit zeigt ihm darauf den Vogel. Der Islam schreit selbst ein paarmal.

Ursprung ist aufgestanden und sehr zufrieden: Sie sind sehr lebendig.

Christentum: Also ich muss mich von Gott (Ursprung) distanzieren.

Ursprung: Das Christentum hat sich schon lange von Gott distanziert.

Judentum: Ich finde den Ursprung extrem cool. Du hast mich auserwählt, Spitze. Ich finde es auch super, dass die Menschheit dem Islam den Vogel zeigt.

Islam kommt daraufhin direkt auf das Judentum zu, schaut es provokant an.

Judentum: Du kannst gerne nochmal schreien, das ist mir komplett egal.

Islam baut sich vor dem Judentum auf: Das habe ich gar nicht nötig.

Das Verbindende möchte den Raum verlassen. Leitung bittet es aufzustehen und zu bleiben.

Verbindende: Ich möchte ausrasten, die alle schütteln, weil hier keiner guckt, was verbindet.

Buddhismus möchte das Verbindende zu sich ziehen und wie eine Decke über die Streitenden ziehen. Judentum und Christentum protestieren.
Das Verbindende geht zum Ursprung, Buddhismus, Hinduismus und den Naturreligionen.
Der Ursprung kommt aus diesem Verbund und positioniert sich neu, isoliert, so dass er alle im Blick hat.

Naturreligionen: Die sind alle so im Kopf. Und wenn sie mal sich verbinden würden, mit dem, was sie sind, nämlich Menschen und auf den Boden kommen, dann wäre das alles viel einfacher.

Der Ursprung und der Atheismus sind ganz cool, mit denen bin ich verbunden. Die verstehen, worum es geht und alle anderen sind zu sehr im Kopf. Und die Menschheit sehe ich nur leiden.

Atheismus hat sich in der Zwischenzeit links neben den Ursprung gestellt. (…)
Das Individuum kommt in die Aufstellung, läuft die ganze Zeit im inneren Kreis um die Menschheit herum und kommt nicht zur Ruhe. Auch die Zugehörigkeit kann es nicht stoppen, sondern macht es
eher noch zornig.
Individuum läuft weiter, bis es selbst merkt, so kann es nicht weitergehen. Es stellt sich rechts neben die Menschheit und nimmt diese in den Arm. Diese lässt sich dankbar halten.

Individuum: Das ist gut.

Auf die Frage: „Für wen bist du da?“ antworten die Religionen wie folgt:

Christentum: Für mich persönlich. Also ich stell mich sogar über Gott, ich bin überheblich. Und schon gleich gar nicht für die Menschheit oder so was. Ich würde am liebsten raus gehen und mein eigenes Ding machen. Für mich bin ich da. Selbstzweck

Islam: Seitdem ich dem Judentum gegenüber stehe bin ich ruhiger geworden. Nicht mehr so kämpferisch, ich frier auch nicht mehr. Und dann habe ich mir gedacht, wofür bin ich da? Um zur Ruhe zu kommen.

Islam kann plötzlich das Judentum anschauen und ist tief gerührt.

Judentum: das berührt mich jetzt auch sehr, bin auch nicht mehr so überheblich. Fürs Individuum bin ich überhaupt nicht da. Bei uns geht´s nicht ums Individuum. Ich habe eine ganz große Sehnsucht zur Zugehörigkeit. Ich würde wahnsinnig gern dazu gehören.

Leitung: Was brauchst du, um dazu zu gehören?

Judentum: Das der Ursprung mich entbindet. (zum Ursprung) Ich habe so viel gelitten. Ich mag auch nicht mehr. Ich kann nicht mehr.

Die Leitung schlägt dem Judentum vor, den Ursprung um Entlassung aus der Auserwählung zu bitten. Es fällt dem Judentum schwer, dies zu tun. Es muss sich erst sammeln. Der Ursprung nimmt dieseBitte jedoch nicht ernst.
Daraufhin die Leitung zum Judentum: Versuch es erstmal mit einer Verneigung.

Das Judentum nimmt sich viel Zeit, es fällt ihm schwer, lässt sich langsam auf die Bewegung ein und geht immer tiefer, bis auf den Boden zu einer ganz tiefen Niederwerfung. Ursprung blickt freundlich und hält dem Judentum die Hände offen entgegen.
Das Judentum geht erneut in die Verneigung. Nach dem Aufrichten geht es einige Schritte auf den Ursprung zu. Der Islam bittet das Judentum: „Nimm mich mit.“
Judentum ergreift die Hände des Islam und zieht ihn hinter sich her bis in die Reihe der anderen Religionen und der Menschheit. Die Zugehörigkeit unterstützt diesen Prozess.

Ursprung lädt ein: Du darfst kommen. Bring sie alle mit

Judentum bleibt stehen: Ich bin schon da. Zur Zugehörigkeit: Du bist mein Antrieb

Judentum sorgt dafür, dass alle auf einer Reihe dem Ursprung gegenüberstehen. Einige suchen noch ihren Platz, nehmen sich bei den Händen und gehen gemeinsam auf Ursprung zu.

Das Christentum steht nach wie vor allein und abseits. Obwohl es gerne dazu gehören würde, kann es sich nicht dazu aufraffen, in den Kreis der anderen aufzuschließen. Es fühlt sich auch unter Druck, da die anderen darauf warten. Der Ursprung fordert ganz klar: Ohne Verbeugung kommst du nicht zu mir.

Christentum: Also, ich hadere ganz speziell mit diesem Gott. Auf der einen Seite tut es mir leid, nicht dabei zu sein, aber ich will mich nicht verneigen.

Auch als die Leitung Jesus als Ursprung des Christentums mit ins Spiel bringt, löst das den Konflikt des Christentums nicht. Es ist voller Vorwurf, spürt die Liebe des Ursprungs nicht, obwohl es tief berührt
ist von der Sehnsucht danach. Die Menschheit löst sich aus der Gruppe und geht zum Christentum, um es zu unterstützen. Beide nehmen sich an der Hand.

Christentum: Ich spür natürlich, dass die alle warten, das bringt mich unter Druck. Ich finde ihn (Gott) genauso arrogant, wie ich selbst bin.
Wenn ich jetzt hier allein wäre, könnt ich das noch sehr lange aushalten.

Judentum: Ich sehe dein Leid zum allerersten Mal. Wir sind uns eigentlich sehr ähnlich. Der Grund, weshalb ich mich verneigen konnte war, ich wollte dazu gehören. Es nützt ja nichts.
Jetzt stehst du da hinten in der Ecke.

Christentum: Das Dazugehören wäre für mich auch ein Antrieb. Wenn es nicht den Preis des Verneigens hätte.

Die Leitung fordert alle dazu auf, zu schauen, was dem Christentum helfen kann. Die Teilnehmerinnen verteilen sich so, dass das Christentum mit in der Reihe integriert ist

Verbindende: Wir haben das alle, jeder ist mal hochmütig, jeder ist mal arrogant. Das verbindet uns.

Christentum: Es tut mir jetzt gut in der Reihe mit zu stehen. Aber das ist eigentlich mein Höchster (auf Ursprung zeigend) für den ich steh. Ich muss ja in seinem Namen handeln und in seinem Namen sprechen.

Judentum: Du bist eine der Religionen, du bist das Christentum, eine von vielen. Nicht mehr und nicht weniger.

Hinduismus: Unsere Aufgabe ist es nicht, die Rahmenbedingungen des Lebens zu verändern, sondern sie den Menschen erträglicher zu machen. Tod und Verderben und Leid sind Bedingungen dieses Lebens, das Duale ist die Bedingung des Lebens. Das können wir nicht ändern, wir können es nur erträglich machen.

Judentum wird ungeduldig: Jetzt verbeug dich doch endlich. Laber, Laber, Laber.

Leitung: Christentum, wenn jetzt alle Zeit der Welt rum wäre, und du hättest deinen Frust schon tausendmal durchgekaut und nachdem alles bereits vergangen ist und der Ursprung ist alles, was noch übrigbleibt, könntest du dich dann vor ihm verneigen?

Buddhismus: Für mich ist das nicht Gott. Mir fehlt die Quelle. Vor dem Ursprung kann ich mich nicht verbeugen.

Christentum: Das hilft mir total.

Leitung stellt die Quelle als Bodenanker mit dazu. Das Christentum stellt die Quelle in die Mitte und kann sich nun vor der Quelle verneigen. Jetzt können sich alle vor der Quelle verneigen, die jetzt in der Mitte des großen Halbkreises steht.

Christentum: Wenn ich nur auf die Quelle schaue, dann geht´s mir gut.

Ursprung: Für mich ist das in Ordnung. Das Christentum hat sich schon immer ganz gerne seinen eigenen Gott angebetet. Der Buddhismus lässt sich auch nicht so gerne in die Bahnen führen. Die Entwicklung mit dem Judentum, wo so viel Liebe und Wärme geflossen ist, das war Heilung. Mit dem Atheismus bin ich sehr verbunden. Auch mit Hinduismus und den Naturreligionen.

Das Christentum fühlt sich dazugehörig und die anderen bestätigen, dass sie es mit aufnehmen. Das rührt das Christentum sehr. Hier noch einige Äußerungen über die wichtige und verbindende Bedeutung der Quelle:

Islam: Für mich ist die Quelle auch wichtiger als der Ursprung und schafft Verbindung zum Christentum.

Judentum: Ich verneige mich eindeutig vor der Quelle und dem Ursprung. Die Quelle ist aber eindeutig das Verbindende. Mir kommt ein Wort und das ist Liebe.

Atheismus: Da wird mir so deutlich, wie wichtig Worte sind und wir haben nur Worte. Und die Bedeutung der Worte müssen wir mit Leben füllen.

Nachdem alle bestätigt haben, dass es so in Ordnung ist, beschließen wir die Aufstellung mit einem gemeinsamen Kreis, verneigen uns vor der Quelle in der Mitte und bedanken uns für alles, was hat geschehen dürfen und was wir in der Aufstellung erfahren durften.

Im Rückblick hat die phänomenologische Herangehensweise an dieses universale Thema tatsächlich tiefere Einblicke ermöglicht als jede Einzelne durch ihr individuelles Wissen hätte einbringen können. Allein der Hinweis auf die Sure 60 des Koran war für mich sehr überraschend und zeigt, dass die Religionen den Schlüssel zur Offenheit und Verbindung in sich selbst bergen. Das Experiment hat eindrücklich bestätigt, was Marion Lockert in „Perlen der Aufstellungsarbeit“
beschreibt:

„Aufstellungen machen etwas im Alltäglichen Ungreifbares sichtbar, hörbar und fühlbar und damit dem menschlichen Bewusstsein zugänglich. Und Aufstellungen tragen zur Ganzwerdung eines Systems bei. Die wirksame und heilsame Kraft dabei ist die Liebe.“5

Und diese Liebe, die uns alle vereint, lehrt uns, was Michael Kagan erneut in wunderbare Worte fasst:

„Seid demütig bei all eurem Tun. Fürchtet einander nicht, denn die Friedenstifter sollen gesegnet sein. Reißt die Mauern nieder. Reicht euch als Brüder und Schwestern die Hände. (…) Seht und fühlt, wie meine Liebe durch all diese Dinge fließt. Öffnet eure Herzen für meine Liebe, die euch umgibt, lasst euch einhüllen von meiner Fürsorge, jetzt! Erwidert diese Liebe!“6

Anmerkungen, Literatur

  1. Michael Kagan, Das Gebet Gottes, Freiburg 2012, S. 82
  2. Franz Alt, Der Apell von Jesus an die Welt – Liebe und Frieden sind möglich, Salzburg 2018, S. 9
  3. Sure 60, Vers 7/8: „Vielleicht lässt Allah zwischen euch und denen von ihnen, mit denen ihr in Feindschaft lebt, Freundschaft entstehen. Allah ist mächtig und Allah ist allverzeihend, barmherzig. Allah verbietet euch nicht, euch denen gegenüber gütig und gerecht zu verhalten, die euch nicht der Religion wegen bekämpft oder aus euren Häusern vertrieben haben. Denn Allah liebt die Gerechten.“ Diese Verse sagen aus, dass auch der Islam eine Religion des Friedens und der Liebe ist, und unter Allahs Herrschaft alle Menschen Geschwister sind, die sich gegenseitig lieben. Gegenüber denen, die Frieden halten und anderen Liebe erweisen, ist der Islam nicht abweisend. (…) Gerechtigkeit und Fairness in einem absoluten Sinne sind eine Pflicht im Umgang mit allen Geschöpfen Allahs, was immer ihre religiöse Überzeugung sein mag. (Die Bedeutung des Qurans, Band 5, SKD Bavaria-Verlag, München 1998, Sure 60, Vers 7/8, S. 2695f)
  4. Michael Kagan, Das Gebet Gottes, Freiburg 2012, S. 81
  5. Marion Lockert (Hrsg.) Perlen der Aufstellungsarbeit, Heidelberg, 2018, S. 14